Distanzierungen 2000

  • 2000

    Stichwort: Gründe, auf Deutschland stolz zu sein (oder auch nicht)

    Pe: Aus Deutschland kommen hervorragende Produkte. Aber auch viel Steifheit, Neid und Gier.

    Stichwort: Irrtümer eingestehen

    Pe: Revidieren muss sein und zeugt von Stärke und gesundem Verhalten.



    Metal Hammer, 2000



    Stichwort: „Türken raus“

    Stephan: Wir wollten provozieren, auch wenn’s im Nachhinein dumm und plump war.



    Berliner Morgenpost, 2000



    Kevin: Extreme, ob linke oder rechte, finde ich zum Kotzen!

    […]

    Kevin: Den nächsten Song widmen wir all denen, die zu bescheuert sind, sich eigene Gedanken zu machen und einfach irgendwelchen Parolen hinterherlaufen!



    Konzert Kiel, 2000



    Stichwort: Problematik Internet

    Stephan: Mit der Möglichkeit des Mediums Internet schaffen es halt viele Leute, durch Halbwahrheiten Onkelz-Fans emotional in eine Richtung zu rücken, die uns nicht gefällt, womit ich jetzt nicht nur in die rechte Ecke meine.



    Frage: Damit sind aber nicht die Onkelz-Fanpages gemeint?

    Stephan: Nein, aber es gibt tatsächlich Leute, die stellen „Türken raus“ als MP3-File ins Internet und wundern sich, wenn wir ihnen ihre Seite dichtmachen. Wenn wir gewollt hätten, dass das Lied veröffentlicht wird, dann hätten wir’s doch veröffentlicht. Und diese Leute fangen dann noch an rumzuheulen und sich zu beschweren. Soll ich mit solchen Leuten noch Mitleid haben, wenn sie nur versuchen, durch möglichst viele Hits auf ihrer Seite möglichst viel Kohle zu verdienen. Es ist halt so, dass wir uns mit „Türken raus“ nicht identifizieren können und bei neuen Stücken ist es so, dass die Plattenfirmen, die die Rechte an den Stücken halten, den Leuten auf’s Dach steigen. Wir werden das nicht tun, weil wir wissen, dass wir ohne die Kopiererei gar nicht eine so breite Fanbasis gehabt hätten.



    Frage: Besteht eigentlich Kontakt zu Moses P.? Gibt’s vielleicht mal eine musikalische Zusammenarbeit?

    Stephan: Klar, ich kenne Moses gut. Er ist ein netter Kerl. Und schau dir doch mal seine Texte und jeden zweiten Refrain an, dann weißt du, woher er sie hat. Wir haben mal über eine Zusammenarbeit gesprochen, allerdings ist das schon zwei oder drei Jahre her.



    Animalize, 2000



    Onkelz: Als sich die Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1992 mit einer steigenden Anzahl rechtsradikaler Übergriffe konfrontiert sah, die in den Vorfällen von Mölln und Solingen ihren traurigen Höhepunkt fanden, waren es die Medien, die Politiker und Veranstalter, die die Böhsen Onkelz für alleinverantwortlich erklärten. […]



    Die Möglichkeit, über die Musik der Böhsen Onkelz gefährdete Jugendliche zum Umdenken zu bewegen, wurde damals vertan und demokratische Integrationsprozesse versandeten, bevor sie überhaupt begonnen hatten. Engagement wurde gefordert und gleichzeitig im Keim erstickt. […] Im Jahre 2000 scheinen sich die Ereignisse zu wiederholen. Eine erneute Welle von Gewalt und Intoleranz hat das Land erfasst und wiederum scheint man die gleichen Fehler zu begehen. […]



    Noch immer nicht sind die etablierten Musiker und Veranstalter in Deutschland bereit, die Böhsen Onkelz in den Kampf gegen Ausgrenzung zu integrieren. Ein Paradoxon. […]



    Wir, die Böhsen Onkelz und unser Management, möchten mit diesem Konzert [= „Gegen den Hass“, Bremen 2001] ein Signal gegen die Gewalt setzen. Gewalt findet in unseren Köpfen statt. […] Wir müssen uns nicht gegenseitig lieben und wir müssen nicht zusammen Bier trinken, aber wir sollten uns respektieren, akzeptieren und tolerieren. Schluss mit der Gewalt!



    Presseerklärung, 2000



    Pe: Angefangen haben wir als Punks. […] Wir waren aus meiner heutigen Sicht verdammt jung, und wir setzen alles sofort um, was uns in den Sinn gekommen ist: Jede Scheiße, die uns gerade einfiel. […] Der zweite Abschnitt war die Skinheadzeit. […]



    Wir wollten wieder wieder frei und frech sein. Das gelang uns aber nur noch teilweise. Als Skinhead muss man sich eben in ein bestimmtes Spektrum einfügen, das aber eine gewisse Kreativität und Anderssein nicht zulässt. […] Dass es auch manchmal Unschuldige traf, ist aus späterer Sicht natürlich bedauerlich gewesen. […] Der dritte Abschnitt läutete etwas Wertvolleres ein: Wir schüttelten die Köpfe. Wir fingen an, aus Fehlern zu lernen.



    B.O.S.C. Fanzine, 2000



    Publikum: Berlin, Berlin, wir kämpfen um Berlin!

    Stephan: Bei euch hakt es wohl!



    Konzert Berlin, 2000



    Stephan: Wir haben die Hell’s Angels als Sicherheitskräfte engagiert, um rechte Schläger vom Konzert fernzuhalten. – Ich habe auch gesehen, wo gerade die Arme nicht [zum Jubeln] hochgegangen sind. Bleibt schön artig, meine Freunde, sonst gibt’s auf die Fresse!



    Konzert Leipzig, 2000



    Stichwort: Fehler in der Vergangenheit

    Stephan: Wir haben uns schon vor zehn Jahren in eine ganz andere Richtung entwickelt.



    Stichwort: Schliessung von Chat und Gästebuch auf onkelz.de

    Stephan: Einige Wenige haben da viel Wirbel veranstaltet. Die Leute wollten uns so zurückhaben, wie wir früher angeblich waren. Das ist sinnlos, es gibt keine neuen und keine alten Onkelz. Doch anscheinend gibt es noch Leute, die nichts begriffen haben. Aber auch wenn einer seit 18 Jahren Onkelz hört – keiner hat ein Abo auf meine Seele.



    Associated Press, 2000



    Onkelz: Da es vor einigen Wochen im Internet eine Ankündigung der JN (Jugendorganisation der NPD) gegeben hat, in der dazu aufgerufen wurde, in großer Zahl gemäß dem Motto „Auf nach Dortmund, den Nationalismus in die Konzertsäle zu tragen“ zu unseren Konzerten in Dortmund zu erscheinen, haben wir uns als Band dazu entschlossen, ein Zeichen zu setzen. Wir werden es nicht zulassen, dass unsere Konzerte für politische Zwecke missbraucht werden. Wir werden diesen Leuten keinen Millimeter Platz einräumen und wir werden nicht zurückweichen.



    Zusätzlich zu unserer 140 Mann starken Security freuen wir uns, die Hell’s Angels als Gäste begrüßen zu können. Sollten sich rechtsradikale Jugendliche oder Erwachsene vor der Halle zu erkennen geben, wird ihnen der Einlass verwehrt. Sollten sie sich erst in der Halle zeigen, so werden sie sofort und ohne Diskussion aus der Halle entfernt. Wir dulden keine Rechtsradikalen auf unseren Konzerten und werden dies in Dortmund in aller Deutlichkeit zur Sprache bringen. Alle Rechtsradikalen, die meinen, an diesem Abend provozieren zu müssen, haben nicht nur die Onkelz und die Angels gegen sich, sondern auch 13.000 Onkelz-Fans, die sich nicht von diesen Menschen den Abend verderben lassen. Ein für alle Mal: Onkelz-Konzerte sind keine politischen Veranstaltungen.



    Presseerklärung, 2000



    Stichwort: Nazis in Dortmund

    Stephan: Wenn dieses Gesocks auch ansonsten vor nichts Respekt hat, mit den Hell’s Angels werden die sich garantiert nicht anlegen.



    Metal Hammer, 2000



    Stichwort: Einfluss auf die Fans

    Stephan: Es ist natürlich so: Wenn man seine Vergangenheit oder die eines anderen aufarbeitet, ist man in der Lage, Empfehlungen anderen gegenüber zu geben. Wenn man etwas selbst erlebt hat, ist es einfacher, irgendwelche Tipps zu geben, als wenn wir über etwas Fiktives singen. Im Prinzip schlage ich so zwei Fliegen mit einer Klappe: Wenn ich meine Erfahrungen nach außen kehre, helfe ich unter Umständen auch anderen Personen oder gebe ihnen zumindest Denkanstöße.



    Das war eigentlich schon immer ein Aspekt in den Onkelz-Texten und ein Aufhänger für unsere Fans.

    Frage: In wie weit würdest du politische Texte schreiben?

    Stephan: Das Problem dabei ist der Mensch an sich und nicht das, was er damit auslöst. Für mich ist Politik völlig uninteressant, weil die Politik von Menschen gemacht wird. Also interessiert mich in erster Linie der Mensch. Das sind genau die Sachen, die wir thematisch behandeln. Du kannst nicht irgendwo den Schimmel wegkratzen und hoffen, dass es darunter besser aussieht. Untendrunter sieht es bestimmt noch schlimmer aus, und genau das ist unser Ansatz. Du kannst nicht an die Taten gehen, sondern an das, was diese Taten auslöst, und das ist für mich viel spannender, als über sowas Banales wie Politik zu reden.



    Frage: Ihr seid nach Irland umgezogen. Was reizt dich so daran – und vermisst du die alte Heimat Frankfurt?

    Stephan: Dadurch, dass ich sehr viel reise, fühle ich mich eigentlich nicht mehr als Frankfurter oder als Deutscher, dazu war ich in zu vielen Ländern beheimatet. Mich reizen viele Länder und deren Kulturen. Nach gewisser Zeit vermisst du natürlich deine alten Freunde und Bekannten, die immer noch in Frankfurt leben.



    Das ist das größte Problem: dass man sein Umfeld vermisst. Es gibt da draußen so viel zu entdecken, und wenn ich meinen Arsch nicht hochkriege, kann ich meinen Horizont auch nicht erweitern. Irland hat eben so seine Reize. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es immer so ist, aber im Augenblick fühlen wir uns hier sehr wohl. Es ist wieder ein neuer Baustein in unserem Leben, nicht mehr und nicht weniger. Einfach Länder konsumieren und die Menschen kennen lernen.



    Break Out, 2000



    Frage: Schon mal daran gedacht, den Sprung nach Amerika zu wagen?

    Kevin: Es wäre schon mal interessant, wieder in einem Club aufzutreten, dessen Besucher nichts von uns wissen, und zu beobachten, wie die dann auf die Songs reagieren. Aber ich bin mir sicher: Wir kriegen alle rum – egal, ob in Amerika, Nigeria oder Japan.



    Frage: Gibt es eine spezielle Philosophie, für die ihr euch besonders interessiert?

    Stephan: Ich habe mich stark mit den verschiedenen Weltreligionen auseinandergesetzt, auch die Länder selbst bereist, die interessante Philosophien vertreten, und meditiere oft. Aus all diesen Eindrücken entstand dann ein Potpourri, das mir half, mein Leben zu meistern. Viele Leute werfen mir vor, dass ich in meinen Texten immer nur anprangere und keine Lösungen präsentiere – wie sollte ich auch? Meine Ansichten sind ganz speziell auf meinen Charakter und Erfahrungswerte zugeschnitten. Jeder muss seinen eigenen Weg finden. Ich kann nur wachrütteln.



    Frage: Wer hat dich denn wachgerüttelt?

    Stephan: Bei mir war das eher ein schleichender Prozess. Es gab verschiedene Erlebnisse und Dinge, zu denen ich von Dritten geführt wurde.

    Frage: Eure Tournee wird euch auch nach Österreich führen. Wie beurteilt ihr die dortige politische Situation?



    Stephan: Es ist schon bedenklich, wie viele Leute für Haider gestimmt haben. Vielleicht sind die Österreicher, die ohnehin ziemlich konservativ sind, künftig gewarnt und korrigieren bei der nächsten Gelegenheit ihre Entscheidung.

    Kevin: Es stimmt: Jörg Haider ist ein Rattenfänger! Aber diese Panikaktionen halte ich für total überzogen – dadurch wird Haider zum Märtyrer gemacht. Der kann keinen Furz mehr machen ohne in den Medien aufzutauchen.



    Metal Hammer, 2000



    Stephan: Das Konzert in Bremen soll nicht einfach ein weiteres Konzert gegen rechts sein, sondern eins gegen Gewalt, und vor allem eins für die Opfer von Gewalttaten, und das selbstverständlich nicht nur rechtsgerichteter. Dass aufgrund der aktuellen Situation unser Fokus auf den Übergriffen von rechts liegt, versteht sich von selbst. Allerdings wollen wir nicht weiter ausgrenzen, sondern in erster Linie helfen und darüber hinaus dokumentieren, dass wir immer auf der Seite der Opfer sein werden und niemals auf der Seite der Täter. […]



    Fuck „Rock gegen rechts“ und all die Scheinheiligkeit und gespielte politische Korrektheit. Wir scheißen auf euch und eure Heuchelei. Wir wollen beweisen, dass wir ohne jeglichen Mainstream und Kommerz in der Lage sind, Zeichen zu setzen […]. Gewalt ist kein Weg. Weder von links noch von rechts. Wir haben lange genug gebraucht, um das zu verstehen. Wir wollen nicht weiter ausgrenzen, sondern wir suchen den Dialog. Wir haben das dritte Auge, wir wissen, dass links und rechts künstlich am Leben gehaltene Feindbilder sind. Wir aber sind für eine Welt freier Geister. Wir haben es schon lange nicht mehr nötig, uns vor irgendeinen Karren spannen zu lassen und hatten es noch nie. Es geht hier nicht um Imagepflege, sondern um den Beweis, dass wir diejenigen unterstützen, die am Rande der Gesellschaft leben. Dass wir für Minderheiten da sind, weil wir selbst eine sind. Scheiße macht nicht vor einer Hautfarbe halt, und wir alle suchen einen Platz, an den wir gehören. […]



    Wir sollten sehen, wie dünn und zerbrechlich die Mauern, die uns trennen, wirklich sind. Wir sollten sehen, wie leicht es wäre, sie einzureißen. Wir strecken einfach unseren Geist, und die Mauern stürzen ein!



    ]onkelz.de, 2000



    Stichwort: Abmahnung von onkelzfan.de

    Onkelz: onkelzfan.de hat eine Instrumentalversion von „Türken raus“ als MP3 zum Download angeboten, und das lassen wir uns nicht bieten. Abgesehen davon, dass es von uns keine instrumentale Fassung dieses bescheuerten Titels gibt, hätten wir, wenn wir gewollt hätten, dass „Türken raus“ veröffentlicht würde, es 1982 selbst getan. Solche Dinge laufen nicht. onkelzfan.de hat Scheiße gebaut, ist erwischt worden und damit fertig, Ende der Diskussion.

    Stichwort: Bootlegs

    Onkelz: Wir haben keinen Bock auf Bootlegs in beschissener Qualität, die dann womöglich auch noch eine rechte Covergestaltung aufweisen.



    onkelz.de, 2000



    Frage: Ihr geht massiv gegen Bootlegs vor. Hat das einen bestimmten Grund?

    Stephan: Es hat vor allen Dingen mal den Hintergrund gehabt, dass sehr viele Bootlegs ’ne faschistische Covergestaltung hatten und wir das so nicht hinnehmen konnten.



    Frage: Wenn jemand bereit ist, Geld für Bootlegs auszugeben, kann man ihm das wirklich verbieten?

    Stephan: Nee, wir ham‘ aber auch versucht zu erklären, dass wenn solche Sachen mit solchen Covergestaltungen auftauchen, dass gerade dann ja auch relativ klar ist, wer da die Hintermänner sind, und dass man diese Platten auf keinen Fall kaufen sollte, weil man unter Umständen halt Leute finanziert, die wir ideologisch nicht unterstützen können.



    Stichwort: Idealer Fan

    Stephan: Letztendlich gibt’s den idealen Fan nicht. […] Aber es ist natürlich so, dass wir absolut keine Ambitionen haben, an gewisse Leute Tickets zu verkaufen, die ’ne politisch rechte Gesinnung in unsere Konzertsäle tragen. Das ist ein ganz klares Statement, das hat die Band mehrfach vertreten und mehrfach gesagt. Wir sind auch da sehr sensibel während der Konzerte, was solche Leute betrifft, die dann augenfällig werden. Und ich denk mal, das ist seit Jahren bekannt, das is‘ nix Neues. […] Wer eindeutig rechte Symbole auf seinem T-Shirt trägt, der wird nicht reingelassen.



    Frage: Würdest du sagen, dass solche Sachen immer weniger passieren?

    Stephan: Also, es passiert eigentlich nur noch sehr, sehr selten, glücklicherweise.



    Stichwort: Rechte Fans

    Stephan: Ich mein‘, das Ding ist, dass man da auch schon differenzieren sollte. Ich nehm jetzt grade mal, weil mir das jetzt alles ganz spontan einfällt, die Vorfälle in Rostock, Mölln, und so weiter, da wurde natürlich erzählt, da wurden Onkelz-T-Shirts gesehen. Es waren aber auch von Slayer, Motörhead und keine Ahnung von welchen anderen Rockbands T-Shirts zu sehen. Nur darüber wird im Prinzip nicht gesprochen.



    Und ’n Onkelz-T-Shirt bei so einem Vorfall ist natürlich auch Anlass genug, da wieder für Schlagzeilen zu sorgen, das ist ganz klar. Aber uns ist ja die Problematik nicht ganz unbekannt, wir wissen, dass wir einen kleinen Teil (ich sag ganz bewusst „kleiner Teil“, weil mittlerweile ist unsere Fangemeinschaft so groß, dass es nur noch ein kleiner Teil ist) [Fans haben, der] ’ne rechte Gesinnung hat. Und wir versuchen nun einfach auch, Vorbilder zu sein und zu sagen: „Passt mal auf, Leute, das ist nicht der Weg, das kann nicht der Weg sein“. Wir müssen einfach nur vorsichtig sein, wie wir damit auch umgehen, weil Ausgrenzung ist meines Erachtens auf der einen Seite auch nicht der richtige Weg, weil wenn man nicht mehr miteinander spricht gibt’s einfach keine Kommunikation mehr. Und da müssen wir uns auch zukünftig überlegen, wie wir das irgendwie handhaben, weil die Leute nur abzuweisen ist vielleicht auch nicht der richtige Weg.



    Vielleicht müssen wir da noch mehr auf die Leute zugehen und mehr mit ihnen reden. Aber wir sind auch nur ’ne Rockband und keine Sozialarbeiter.



    Stichwort: Onkelz-Platten über rechtsradikale Vertriebe zu bekommen

    Stephan: Das ist immens schwer, das alles nachzuverfolgen. Wir geben uns natürlich auch irre Mühe, grade wenn wir auch auf solchen Seiten, oder beziehungsweise auch auf Flyern oder was auch immer, vertreten sind. Aber es ist nunmal so, dass die Leute sich auch nicht über offizielle Vertriebswege die Platten holen, sondern zum Teil sind das auch schon gebootlegte Platten, zum Teil werden die ausm Ausland besorgt oder zum Teil halt einfach über Zwischenhändler, und da hast du im Prinzip keine richtige Handhabe.



    Frage: Hast du eine Mannschaft, die da hinterher ist?

    Stephan: Unser Büro ist dazu angehalten, das zu tun, immer wieder Suchmaschinen laufen zu lassen, nach neuen Seiten zu forschen und da auch gegebenenfalls zu reagieren. Also wir handhaben das schon sehr sensibel, weil wir uns natürlich immer noch im Klaren drüber sind, dass es immer noch sehr viele Rechte, und grade hier unser Freund Lemmer war ’n wunderbares Beispiel, das stinkt uns natürlich dermaßen, dass solche Leute mit den Onkelz Kohle verdienen, oder mit dem Namen „Onkelz“. Es ist aber auch ein Fakt, dass uns deutsche Gerichte das nicht gerade leicht machen, dort die Leute anzugehen. […] Nicht nur in den neuen Medien, auch was Vertriebe von Platten über Flyer, Mailorder, und so weiter, betrifft.



    Frage: Ist das etwas, was nachlässt im Moment?

    Stephan: Ich bin nicht blauäugig, das wird wahrscheinlich noch lange so bleiben, aber man merkt auf jeden Fall schon, dass auch bei Konzerten diese Geschichten, die wir eingangs erwähnt haben, also sprich Aufnäher, T-Shirts von rechtsradikalen Parteien, Organisationen oder Sprüche, was auch immer, dass das schon sehr, sehr viel weniger wird. Und mich würde halt freuen, wenn die Leute einfach ’n bisschen was gelernt hätten und vielleicht von sich selbst Abstand von solchen Meinungen genommen haben.



    Stichwort: Rechtsradikale auf Onkelz-Konzerten

    Stephan: Wir sollten aufpassen, einfach […] alle Skins über einen Kamm zu scheren, das ist es jetzt auch nicht, weil wir tun dann letztendlich auch ’ne Bewegung irgendwo an den Rand drücken, und das wird ihr auch nicht gerecht. Es gibt auch sehr viele politisch unmotivierte Skins, die einfach Bock auf die Mode haben und auf das Outfit und auf die Mucke und so weiter und so fort. Es ist natürlich irre schwer für ’nen Außenstehenden, das zu differenzieren, und die Problematik kennen wir natürlich auch, das heißt, wir können nicht jeden Skinhead rauslassen, wollen es auch gar nicht, weil wir wissen, dass viele Leute einfach Spaß an der Musik haben. Wir müssen einfach auf deren Embleme gucken und auf deren Verhaltensweisen – und wenn sie sich als Rechte outen, dann müssen sie halt eben mit Konsequenzen rechnen.



    Frage: Ihr habt mit „Erinnerungen“ einen Song geschrieben, der quasi ein Abschied von der Skinhead-Szene war.

    Stephan: Das ist mehr ’ne Interpretation, dass das nur was mit der Skinhead-Szene zu tun hat, das tut auch gerne die Skinhead-Szene so interpretieren, aber das ist einfach ein Abschied von einer gewissen Zeit, wo man merkt, man muss sich von etwas loslösen. Und wir waren ’86 schon längst keine Skins mehr gewesen, also bis auf Kevin, der noch kurze Haare hatte, war von uns keiner mehr Skinhead. Das heißt, der Abschied war für uns schon längst vonstatten gegangen, das war schon fast nach der Veröffentlichung „Der nette Mann“ weg, weil die ganze Szene sich dermaßen politisch gewandelt hat, dass wir einfach keine Identifikation mehr gesehen haben.

    Stichwort: Ursprüngliche Skinhead-Szene

    Stephan: Ich will ja nicht sagen, dass unsere Szene damals komplett unpolitisch war, das würde der Sache auch nicht gerecht werden, sondern da gab’s ’ne Ausländerfeindlichkeit, da brauchen wir gar nicht um den heißen Brei rumzureden. Nur: Es ist halt etwas anderes, ob ich jetzt in meinem Umfeld Probleme mit Ausländern habe oder ob ich eben dem Nationalsozialismus hinterherhänge und dafür vielleicht noch sechs Millionen vergaste Juden in Kauf nehme.



    Und da muss ich schon mal irgendwie ’nen Unterschied machen. Und die Differenzierung ging dann später bei uns so weit, dass wir auch gesagt haben, wir können auch nicht alle Auslä… – Ich mein‘, irgendwann fängst du einfach auch mal an zu denken und du guckst mal über den Rand deines Häuserblocks hinaus und dann siehst du einfach: Die Suppe wird auch nicht so heiß gegessen wie sie gekocht wird.



    Stichwort: Ausländerfeindlichkeit

    Stephan: Ja, wo wir vielleicht mal wieder bei diesem Thema, was wir vorhin kurz angeschnitten hatten, Stärke, sind. Dass wir im Prinzip den Leuten einfach nicht klarmachen, dass sie zu ’ner innerlichen Stärke finden müssen und dass für ihre Probleme keine anderen verantwortlich sind, außer sie selbst. Und das versuchen wir auch, denke ich, sehr deutlich in unseren Texten rüberzubringen. Wir haben nix davon, wenn wir unsere Probleme anderen in die Schuhe schieben, sondern damit werden sie nur größer und immer mehr. Sondern wir müssen unsere Probleme lösen, und zwar einfach das Ding aus dem Weg räumen, und zwar in dir selbst und sonst nirgendwo.

    Frage: Würdest du sagen, dass du diese Stärke erkannt hast, oder ist das etwas, was man irgendwann mal aufbaut?

    Stephan: Du beginnst ja erstmal relativ unreflektiert, irgendwas zu tun, alles was dir irgendwie stinkt, rauszuschreien. Das ist ganz klar. Und irgendwann hinterfragst du dich mal: „Warum tue ich das denn eigentlich?“ oder „Wie tue ich das denn eigentlich? Was ist denn die Ursache von meiner Wut?“. Und natürlich hab ich mich dann irgendwann mal dorthin gebracht und erkannt, dass ich die auch selbst verursache.



    Frage: Hast du jemals Antworten auf diese Fragen erhalten?

    Stephan: Ja, selbstverständlich – das sind aber meine persönlichen Antworten, und die gelten leider Gottes nicht für jeden.

    Frage: Ich habe gehört, dass ihr mit Punk angefangen habt, dann irgendwie über das rechte Spektrum und wieder zurück zu den Neutralen.



    Stephan: Naja, ich seh mich nicht als neutral an, ich bin schon auch politisch motiviert, aber sicherlich alles andere als rechts. Aber ich denk mal, wir sind einfach ’ne verdammt normale Rockband.

    Frage: Wenn man bei „Deutschland im Herbst“ zwischen „braune“ und „Scheiße“ ein „die“ stellt, dann sind es Braune, die Scheiße töten.



    Stephan: Da sind schon Rechtsradikale gemeint damit. Es gab ja nunmal diese Vorfälle, es gab diese Morde meines Erachtens, und da gibt’s auch gar nix um den heißen Brei rumzureden. Wir ham‘ damit Nazis gemeint, und nicht, dass Braune irgendein Stück Scheiße töten, wie willst du denn ’n Stück Scheiße töten? Sorry, Leute, die solche Mittel anwenden, die sind für mich absolut verachtenswert. […] In diesem Stück ging’s um die Vorfälle Rostock, Mölln, etc., und das wurd‘ im Vorspann auch ganz klar dokumentiert. […] Ziemlich eindeutig.



    Stichwort: Demo-CD zur Biographie

    Stephan: Das Ding is‘: Gucken wir zu wie die Leute das von rechtsradikalen Verlagen auf den Flohmärkten kaufen, oder sagen wir: „Hier habt ihr’s, umsonst!“? Also, das is‘ unser Ansatz gewesen.



    Stichwort: Nazis

    Stephan: Eine Demokratie muss in der Lage sein, ’ne Horde Schwachköpfe im Prinzip locker wegzustecken. […] Guck dir den Musikantenstadl an, da siehst du die wahren Faschos drinsitzen, und das find ich viel brutaler und viel schlimmer und viel deutscher, als alles was die Onkelz jemals gemacht haben.



    Frage: Manche sagen, man müsste Onkelz-Platten über irgendwelche Nazi-Listen bestellen, aber ich kaufe meine Platten ganz regulär bei einem kleinen Händler.

    Stephan: Find ich auch wichtig, dass du das nochmal sagst. Also, ich kann auch nur jedem abraten, wenn er im Sinne der Onkelz handeln möchte, auf solche Verlage irgendwie zurückzugreifen.



    Frage: Ich wundere mich, dass Onkelz immer noch boykottiert werden, weil sie aus ihrer Jugend heraus irgendwelche Songs gemacht haben, die sie heute, ich möchte nicht sagen „bereuen“, weil sie stehen ja noch dazu, aber…

    Stephan: Ähm, ja, „bereuen“ ist vielleicht das falsche Wort, aber sagen wir mal: Ich hätte mir schon gewünscht, dass die Titel, um die es da geht, so nicht entstanden wären. Vor allen Dingen war es auch nie unsere Absicht, dass die Dinger an die Öffentlichkeit kommen, und wir ham‘ auch eigentlich alles dafür getan, dass das nicht passiert. Und vor allen Dingen sind sie in ’ner Zeit bekannt geworden, die mit dem Ursprung der Lieder überhaupt nichts mehr zu tun hatte, und das muss man ja irgendwo auch mal jetzt festhalten.



    Aber sicherlich gehören die zu unserer Historie dazu. Und wenn ich mir überlege, wenn die Songs Auslöser für irgendwas waren, dann hab ich ’ne Menge draus gelernt, und dann ham‘ sie vielleicht ihre Rechtfertigung.



    Frage: Aber das erklärt immer noch nicht dein heutiges Verhältnis zu jenen Songs.

    Stephan: Naja gut, man muss ja auch mal festhalten: Durch diese Lieder sind nicht Leute vergast worden oder umgekommen oder sonst irgendwas. Ich mein‘, dann könnten wir anfangen, hier ganz andere Sachen aufzurollen. Sondern das war im Prinzip ’ne absolute, krasse Dummheit von vier Punkrockern, und nicht mehr und nicht weniger.



    Das ist ja nicht mal in der Skinheadphase entstanden, diese Werke, und, das möchte ich nochmal betonen, nicht veröffentlicht. Und ich hab mich über diese Lieder schon hunderttausendmal ausgekotzt.



    Frage: Es war interessanterweise auch einer deiner ersten Songs.

    Stephan: Wie gesagt, ich seh’s, ich seh’s, ich seh’s, ja, und ich mein‘, wer den Text kennt, der weiß, dass das auch der bescheuertste Song ist, der jemals verfasst wurde. Der nicht mal ’nen richtigen Inhalt hatte, der ist noch nicht mal richtig ausländerfeindlich, weil er einfach viel zu blöd ist, ums mal wirklich beim Namen zu nennen. […] Da gibt’s doch heute ganz andere Songs, da gibt’s doch hunderttausend Fascho-Kapellen, die ganz andere Sachen verfasst haben, und zwar wirklich nur mit dem eindeutigen Ziel, Ausländer zu diffamieren, dem Gegenteil von ’nem Lied, das einfach so bescheuert ist, dass man’s auch gar nicht für ernst nehmen kann, das muss man doch wirklich mal so sagen.



    Stichwort: Rechtsradikale Jugendliche

    Stephan: Die gäbe es auch wenn es die Böhsen Onkelz nicht geben würde!



    Frage: Die Onkelz haben mehr Einfluss auf diese Jugendlichen als Gesellschaft und Sozialarbeiter.

    Stephan: Ja, zu einem gewissen Teil geb ich dir Recht, an die Leute vielleicht, die überhaupt noch erreichbar sind. Es gibt natürlich auch Leute, die so verbohrt in ihren Strukturen sind, dass da keiner mehr drankommt. Für die sind wir keine Ahnung was für Verräter, aber mit diesem Stigma kann ich von der Seite auch gut und gerne leben.



    Radio Fritz, „Blue Moon“, 2000



    Stephan: Wer weiß, vielleicht wird mein Sohn ja auch schwul oder Fußballer. Oder beides. Ich hätte da kein Problem mit. […] Ich bin schon der Meinung, dass Leute, die viel Geld verdienen, es auch in irgendeiner Form zurückgeben sollten. Deshalb haben wir schon häufiger was für behinderte oder krebskranke Kinder getan.



    Rock Hard, 2000



    Frage: Ist auf der Tour 2000 irgendwas Besonderes passiert?

    Stephan: Hier in Dortmund haben wir einige Probleme, weswegen wir unsere Freunde von den Hell’s Angels einladen mussten. Es gab im Internet einen Aufruf der Jungen Nationaldemokraten, massiv bei unserer Show in Dortmund aufzulaufen. O-Ton: „Um den Nationalsozialismus in die Konzerthalle zu tragen“. Aufgrund der schlechten Erfahrungen, die wir bei der letzten Tour in Düsseldorf gemacht haben, wollen wir uns diesmal besser vorbereiten.



    Frage: Kannst du diese Vorkommnisse nochmal kurz erläutern?

    Stephan: In Düsseldorf hatten wir einen massiven Naziauflauf. Ungefähr 100 bis 150 Glatzen sind zu der Show gekommen und haben für eine unerträgliche Situation gesorgt. Wir wollten diesmal einfach besser vorbereitet sein, denn beim letzten Mal konnten wir diesen Leuten nicht genug entgegensetzen und sie deshalb nicht aus der Halle werfen, was wir ja normalerweise mit solchen Idioten tun. Ähnliche Situationen wie in Düsseldorf wollen wir diesmal vermeiden, denn ich habe keinen Bock darauf, dass irgendwelche Stiernacken die Stimmung im Publikum runterziehen.



    Frage: Wie habt ihr in Düsseldorf reagiert?

    Stephan: Wir haben „Ohne mich“ nach vorne in den Set gezogen und die Jungs von der Bühne aus beschimpft, weil wir gehofft hatten, dass sie sich verziehen, aber diese Typen sind einfach zu blöd, sowas zu kapieren. Wir haben uns jedenfalls damals schon gesagt: „Jetzt reicht’s, nächstes Mal gibt’s die Fresse voll“. Eine andere Sprache verstehen die Typen ja nicht.



    Frage: Warum ausgerechnet die Hell’s Angels als Eingreiftruppe?

    Stephan: Wir wissen natürlich, dass Dortmund Bandidos-Gebiet ist, aber ich glaube nicht, dass da was passieren wird […]. Und um ehrlich zu sein: Für uns ist das definitiv das kleinere Übel, denn ich habe keine Lust mehr, mit einem Glatzenmob im Publikum konfrontiert werden.



    Frage: Also hatten sich nur für Dortmund Nazis angesagt?

    Stephan: Ich will jetzt die anderen Städte nicht nennen, aber die Angels werden uns an den anderen prekären Auftrittsorten ebenfalls unterstützen.



    Frage: Wie bewertet ihr die Probleme, die es bei der Tour 2000 gegeben hat?

    Stephan: Im Grunde gab’s ja bisher gar keine – trotz dieses Nazi-Aufrufs für Dortmund. Aber wir konnten ja alle Eskalationen dank unserer Security verhindern. Die Rechten sollen wissen: Wenn sie kommen, dann sind wir vorbereitet! Bisher waren die Konzerte aber so entspannt wie noch nie – und ich hoffe, dass das auch im weiteren Verlauf der Tour so bleibt.



    Wir haben keinen Bock mehr auf Situationen wie das letzte Mal in Düsseldorf oder Oberhausen, und wir wollen auch keinen Zentimeter mehr zurückweichen. Die Leute sollen wissen: Wenn sie Faschos sind und provozieren wollen, dann bekommen sie eine Reaktion, die sich gewaschen hat! Das muss einfach mal klar sein. Wir wollen solche Leute nicht, wir kokettieren nicht mit ihnen und wir wollen auch ihre Eintrittsgelder nicht. Sie sollen sich einfach verpissen!

    […]

    Frage: Würdet ihr die älteren Songs komplett neu einspielen?

    Gonzo: Vielleicht schnüren wir ein nettes Paket und veröffentlichen mal ein Boxset. Nicht um damit zusätzlich Kohle zu scheffeln, sondern um den ganzen rechten Plattenfirmen und dubiosen Geschäftemachern etwas entgegenzusetzen.



    Rock Hard, 2000



    Frage: Warum seid ihr weggezogen und warum ausgerechnet nach Dublin und nicht nach Timbuktu?

    Stephan: Das hat mehrere Gründe. Deutschland war uns schon seit langer Zeit irgendwie zu klein, deshalb waren wir auch alle insgesamt ziemlich oft auf Reisen. Irgendwann kamen wir dann zu dem Punkt, an dem wir uns sagten: „Okay, lass uns mal frische Luft atmen“. Wir haben Dublin als unser neues Zuhause ausgewählt, weil es nur zwei Flugstunden von Frankfurt aus entfernt ist. Wir können uns so weiter um die Geschäfte kümmern beziehungsweise auch unser Tonstudio besuchen, was bei einem weit entfernten Land nicht möglich ist. […] Zweitens entspricht Irland auch irgendwie unserem Gemüt zur Zeit, deswegen haben wir uns das Land ausgesucht.



    Metal Heart, 2000

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