Distanzierungen 1999

  • 1999

    Stephan: Eine fette dunkle Wolke liegt über der Tour im vergangenen Jahr. Wenn ich an das Konzert in Düsseldorf denke, kriege ich heute noch das Kotzen. […]

    Leider müssen wir immer noch feststellen, dass sich Nazis auf unsere Konzerte verirren. […]



    Wir haben für dieses Konzert [aufgrund von Gerüchten über erhöhtes „Nazi-Glatzen“-Aufkommen] extra harte Kontrollen am Eingang angeordnet, um gewährleisten zu können, dass der Abend friedlich und ohne politische Störung verläuft. Leider war unsere eigene Security an diesem Abend nicht für den Einlass zuständig, so dass wir zu Konertbeginn feststellen mussten, dass genau die Idioten, die wir eigentlich schon am Eingang aussortieren wollten […] damit begannen, alles um sich herum einzuschüchtern. Wir reden hier nicht von 10 – 20 Spatzgesichtern, sondern von 100 – 150 Härtnern. […]



    Der Hals, dass es dieses Pack in unser Konzert geschafft hat, war riesengroß. Wir wussten im ersten Moment nicht, wie wir reagieren sollten. Hätten wir versucht, sie aus der Halle zu schmeißen, wäre die Situation eskaliert […].



    Allerdings wüsste ich nicht, wie der Abend geendet hätte, wenn politische Parolen oder gar Hitlergrüße von dieser doch all zu offensichtlich mit „rechts“ sympathisierenden Meute ausgegangen wären. In diesem Fall hätten wir eingreifen müssen. So schluckten wir diese verdammt bittere Pille und versuchten, indem wir „Ohne mich“ vom Ende des Sets an den Anfang verlegten, und mit Ansagen von der Bühne diesen Arschgesichtern den Spaß an einem Onkelz-Konzert zu verderben. Leider gelang uns das nicht. […] [Wir müssen] diese Erfahrung zukünftig nutzen, um im Vorfeld noch deutlicher zu machen, dass wir nicht mit rechten Ideologien sympathisieren und keine solchen auf unseren Konzerten dulden. Ich dachte, wir hätten deutliche Signale in diese Richtung gesendet. Anscheinend nicht deutlich genug. Auch auf die Gefahr hin, zu stigmatisieren, werden wir künftig noch strengere Kontrollen an den Eingängen durchführen lassen, und wenn diese nicht helfen sollten, bin ich dafür, keinen Skins mehr Einlass zu gewähren.



    B.O.S.C. Fanzine, 1999



    Stichwort: Konzert Düsseldorf 1998

    Pe: In Düsseldorf gab es infolge einiger Hohlköpfe starke Stimmungsschwankungen während des Konzertes. Schade drum!



    B.O.S.C. Fanzine, 1999



    Stephan: Wichtig ist für uns nur, dass unsere Fans wissen, wo’s lang geht, dass wir nicht mit rechten Ideologien sympathisieren.



    Mannheimer Morgen, 1999



    Stephan: Hebst du noch mal die drei Finger, spring ich persönlich runter und schneid sie dir ab!



    Konzert Dortmund, 1999



    Stichwort: Politisierung der Skinhead-Szene

    Stephan: Dass viele Glatzen den Hitlergruß machen ist, glaube ich, gar nicht mal das politische Statement, das da reininterpretiert wird, sondern es ist sehr viel Provokation. Uns wurde nicht erzählt: „Seid stolz auf euch“, sondern hier werden einfach andere Identifikationsangebote gemacht, und schon hast du wieder ’nen Blinden in deiner Gefolgschaft. Nichts anderes ist das ja bei solchen Jugendgruppen auch, die brauchen Identifikation, die brauchen ’ne Gruppe, in der sie sich definieren, wohlfühlen können und vielleicht ’ne Art Familie finden, ’nen Zusammenhalt finden. Und dass das natürlich sehr leicht zu missbrauchen ist, ist auch klar.

    Stichwort: Patriotismus



    Stephan: Die Tatsache, dass ich Deutscher bin, die war mir im Prinzip nie bewusst, oder die war mir einfach egal. Und die wurde auf einmal als Skin ja in irgendeiner Form wichtig. Hab mich dann aber auch relativ früh gefragt: „Ja, sag mal, also wenn ich mich nur dadrüber definiere, Deutscher zu sein, dann kann hier irgendwas auch nicht stimmen. Wenn ich nur stolz auf mein Vaterland sein kann und nicht auf mich selbst, dann hab ich irgendwas am Rad“.



    WDR, „Pop 2000“, 1999



    Frage: Drohen Sie immer noch mit einem persönlichem Schlag in die Fresse, wenn ein Konzertbesucher die Hand zum Hitlergruß hebt?

    Stephan: Unsere Konzerte sind keine politischen Veranstaltungen. Wir lassen uns nicht von einer Horde Faschisten unsere Konzerte versauen. Also reagieren wir.



    Frage: Früher haben Sie mit Songs wie „Deutschland den Deutschen“ oder „Türken raus“ die Stimmung selbst angeheizt.

    Stephan: Wir haben viel Scheiße erzählt und dazu stehen wir. Wir waren jung und unerfahren. Dieser Schwachsinn liegt fast zwei Dekaden hinter uns. Wer behauptet, mit 18 Jahren vernünftige Texte schreiben zu können, hat keine Ahnung. Mit 35 Jahren, glaube ich, kann ich das.



    BILD, 1999

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