Ausstieg aus der Skinszene

  • Edmund Hartsch: Der Punk war in jedem Falle Anti-Nazi. […] Ebenso war die britische Arbeiterbewegung der Skinheads seit 1969 eng mit der Two Tone-, der Ska- und der Rude Boy-Bewegung verwachsen, die ohne die vielen schwarzen Musiker gar nicht denkbar gewesen wären. Rassismus und Intoleranz waren extrem verpönt. Das Tragen von Hakenkreuzen und Nazisymbolen […] war eine Provokation gewesen, die keinen anderen Sinn gehabt hatte, als die echten, alten Nazis, wo immer sie sich versteckt hielten, und die heimlichen Faschisten zu demaskieren und auf die Palme zu bringen.

    „böhse onkelz – danke für nichts“, 1997

    Edmund Hartsch: Wie schon zuvor in England begannen jetzt auch in Deutschland die rechtsradikalen Parteien und Verbände verschärft in die Fußballszene einzugreifen. Diese Personen waren keine Glatzen, sondern Scheitelträger. Die Onkelz hassten diese lächerlichen Gestalten in ihren schwarzen Hemden und den albernen Krawatten. „Hör mal, ich bin von der FAP, du findest Ausländer doch auch scheiße, oder? […]“, so ganz auf die lockere Art kamen die angepirscht und sangen den Leuten ihre Paranoia ins Ohr. Die Idee des Skinheadkultes hatte gerade darin gelegen, sich nicht vor den Karren einer politischen Partei spannen zu lassen. […]


    Nur ein kleiner Teil der deutschen Skinheadszene war 1982 als rechtsradikal einzustufen. Die Mehrheit verstand sich als apolitisch und stolz. Stolz stand in dieser Zeit wohl eher für das Gefühl von Trotz gegen die eigenen Großeltern und Eltern, von denen die meisten Nazis gewesen sein mussten. Wenn nicht die eigenen, dann die eines Freundes.

    „böhse onkelz – danke für nichts“, 1997


    Edmund Hartsch: Was in Großbritannien schneller vollzogen wird, findet nun auch in Deutschland statt. Die radikale Rechte beginnt den Stolz und auch den latenten Patriotismus der Oi-Szene für ihre Zwecke zu missbrauchen. […] Ist die Oi-Bewegung zunächst unpolitisch, […] so kann man 1982 / ’83 auch in Deutschland bereits den Einfluss der rechten politischen Parteien in diesen Szenen spüren.

    onkelz.de, 2002


    Edmund Hartsch: Mit seinem Motörhead T-Shirt, seinen Turnschuhen und seinem Elvis-für-Arme-Normalo-Haarschnitt verstieß Gonzo [beim Lübeck-Konzert ’85] am brutalsten gegen die strengen Klamottenregeln der Skinheads. Gonzo, der noch vor einem Jahr mit Haut und Haaren dem Kult anhing, hatte keine langen Erklärungen gebraucht. Er hatte selber gemerkt in welche Richtung die Skinheadszene marschierte.

    „böhse onkelz – danke für nichts“, 1997


    Edmund Hartsch: Gonzo und Stephan waren zwei Menschen, die ständig ihre Werte hinterfragten und gerne überprüften, ob das, was gestern galt, heute noch von Bestand war. […] Aus Oi war der Patriotismus gewachsen, der in der Szene zu einem gefährlichen Nationalismus geworden war, mit dem sie nichts mehr zu tun haben wollten.

    „böhse onkelz – danke für nichts“, 1997


    Edmund Hartsch: Während Kevin sich in der Skinheadszene aufgehoben und geborgen fühlt […], erkennen die drei anderen Musiker, Stephan allen voran, dass auch diese Szene ihre eigenen Schubladen hat und im krassen Gegensatz zu seinem Freiheitsgefühl steht. Zum Jahreswechsel ’84 / ’85 legen Pe, Gonzo und Stephan die Hosenträger wieder ab und lassen die Haare wachsen.

    onkelz.de, 2002


    Edmund Hartsch: Der November ’85 brachte ein weiteres Skinheadkonzert in Berlin und das offizielle Ende der Böhsen Onkelz als Glatzenband.Bei diesem Gig jedoch gingen schon zu Beginn der Show die Arme zum Hitlergruß in die Luft. […] Auch Stephan trank wie ein Loch und prügelte, wenn er sich angegriffen fühlte, aber dennoch war ihm die rechtsradikale Argumentation zu primitiv und zu albern.


    Stephan machte gute Mine zum bösen Spiel, aber die „Ausländer raus“-Rufe und die erhobenen rechten Arme waren für ihn ein Schlüsselerlebnis. Die Sonne der Kultur stand niedrig, wen wunderte es da, dass Zwerge lange Schatten warfen. Sie würden gehen, und Kevin würden sie mit sich nehmen. Nach dem Konzert saßen sie hinter dem Vorhang und schnaubten vor Wut. Dieses ewige dumme Gelaber. Dieses ewige Gehetze und Getratsche, sogar untereinander. Die Skinheadszene war verloren, der Skinheadkult war tot. Die junge Arbeiterklasse, falls es so etwas je gegeben hatte, hatte ihre Seele verkauft, als sie damit begann, auf sozial Schwächeren rumzuhacken, anstatt sich weiterhin gegen Autoritäten aufzulehnen.


    Dieser Teil der Jugend war am äußersten rechten Rand der Rebellion angelangt, und trotz all ihres Stolzes und ihrer vermeintlichen Vorliebe für Gerechtigkeit, hatten sie wieder einmal dem Teufel den Arsch geküsst.

    „böhse onkelz – danke für nichts“, 1997


    Edmund Hartsch: Zum ersten größeren Ausstiegsimpuls aus der Skinheadszene […] führt ein erneuter Böhse Onkelz-Gig im Berliner Bunker der Faschoband „Kraft durch Froide“ am 9.11.85. […] Es finden sich gut 200 Glatzen zusammen, die von vorneherein klarstellen, auf welcher Seite sie politisch stehen: Schon vor dem Auftritt der Böhsen Onkelz skandieren die anwesenden Skinheads einstimmig mit zum Hitlergruß erhobenen rechten Armen „Deutschland den Deutschen“, „Ausländer raus“ und „Sieg Heil“. Man muss den Onkelz den Vorwurf machen, dass sie diesen Gig nicht sofort abgebrochen haben.


    Auch wenn die Band am Aufbau dieser Szene mit beteiligt war und sich anfangs noch nicht im Klaren darüber war, in welche Richtung ihre Szene marschiert, so muss sie es sich gefallen lassen, in dieser Phase als ausländerfeindliche, rechte Band bezeichnet zu werden. Selbst wenn die politische Ausrichtung der Band nicht als rechtsradikal bezeichnet werden kann, und sie sich selbst auch zu dieser Phase nicht als rechtsradikal empfindet, spricht ihr Publikum doch eine deutliche Sprache. Das allerdings fällt nach dem Gig in Berlin auch den Böhsen Onkelz auf, und wo Kevin sich noch heimisch in der Szene fühlt, wird es den anderen Musikern zu eng. Nach diesem Konzert ist man sich einig: Die Böhsen Onkelz wollen keine Kultband der Skinheads mehr sein und ihren Sänger Kevin werden sie schnell überzeugen können.

    onkelz.de, 2002


    Edmund Hartsch: Der Ausstieg der Frankfurter Band vollzog sich über die Jahre 1985 und 1986. Nicht wenige Altglatzen folgten dem selben Impuls. Stephan und Gonzo weigerten sich, ihre Haare noch einmal schneiden zu lassen und Pe blieb mit seiner Frisur irgendwo zwischen Kanisterkopf und Prollbürste hängen. Kevin erkannte zwar die Gefahr, die darin lag, wenn man die Band noch weiter in die rechte Ecke drängte, wollte aber dennoch bei seiner Glatze bleiben. […] Wenn die Härte jetzt nur noch darin lag, rechtsradikal zu sein und immer mehr Skinheads dazu kamen, die von Tuten und Blasen keine Ahnung hatten, dann war es auch keine Bewegung, der sie noch länger angehören wollten.

    „böhse onkelz – danke für nichts“, 1997


    Edmund Hartsch: Die Enttäuschung über das erbärmliche Abrutschen der Skinbewegung in den Strudel von Politik und Mitläufertum war groß gewesen und der Abnabelungsprozess hatte seine Zeit gebraucht.

    „böhse onkelz – danke für nichts“, 1997


    Edmund Hartsch: Wenn irgendjemand immer noch auf dem Nazitrip war und meinte, der Härte wegen die Hand heben zu müssen, dann sollte er vortreten und auf die Bühne kommen, zu Kevin, und ihm etwas über „Skinheads“ oder „Widerstand“ oder „Hartsein“ erzählen […]. Die Böhsen Onkelz haben weder die Straße, noch irgendeinen Kult verraten. Der erste Punk, der sich seine Klamotten im Laden kaufte und die erste Glatze, die den rechten Arm zum Hitlergruß hob, die haben ihren Kult verraten. Und was den boomenden Faschorock betraf, so konnten die Medien, […] die diesen Trend im wahrsten Sinne des Wortes „herbeigelabert“ haben, die Verantwortung dafür unter sich aufteilen. Die Onkelz haben sich gelöst, vor langer Zeit, wer nicht hinterherkam oder ihnen nicht glaubte, der hatte Pech gehabt.

    „böhse onkelz – danke für nichts“, 1997



    Edmund Hartsch: Dass rechte Parteien unter diesen Leuten [= dem Onkelz-Publikum] gerne den Hass schürten und mitunter erfolgreich neuen Nachwuchs rekrutierten, traf zu. Es traf aber auch zu, dass diese Jugendlichen nicht den geringsten Plan von irgendetwas hatten und gerne nach jedem Strohhalm griffen, den man ihnen hinhielt. […] Wenn die rechten Parteien zusätzlich noch ein paar Schuldige lieferten, in diesem Falle die Ausländer, dann fiel schon mal der eine oder andere denkschwache Klappstuhl darauf rein.

    „böhse onkelz – danke für nichts“, 1997

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