Wie kam es dazu?

Wie kam es dazu!?


Lange ist es noch nicht her. Eines Nachts wollte mein Gehirn mir wieder einen eigenen Film in Form eines Traumes präsentieren. Der einzige Zuschauer: Ich. Der Regisseur: ich


Es war ein komischer Traum und es ist auffallend, dass ich mich dennoch an viele Details erinnern kann. Es ging um meine Tochter, die schon in der 1. Klasse das Fach Deutsch hatte und ein Referat über eine, ihr könnt´s euch denken, Band halten soll. Nachdem Sie ihre Band für das Referat ausgesucht hatte, trat sie damit eine Welle von Empörung, Widerstand und Diskussionen los. Ja, sie wählte die Böhsen Onkelz. Mein Hirn spulte nun den Traum etwas schneller ab und plötzlich stand ich als Vater vor einer Menschenmenge in meinem alten Klassenzimmer der 1. Klasse.


Ich stand da und sollte, musste, wollte, durfte erklären, warum meine Tochter diese Band hörte bzw. auch noch ein Referat darüber schreiben und halten möchte (weil man ja auch in der 1. Klasse schon schreiben kann, oder Referate halten muss).


Da legte dann auch schon mein Freund der Wecker los und riss mich aus diesem spannenden Film. Gerne hätte ich noch mitbekommen wie er denn geendet hätte.


Ich stand auf und zog mein morgendliches Ding durch, dachte aber immer wieder über diesen Traum nach. Da kam mir eine Frage in den Sinn: Wie war es denn eigentlich bei mir? Wie kam es bei mir dazu? Warum und wie kam ich zu den Onkelz? Und da mich dieses Thema einfach nicht mehr losgelassen hat, versuche ich das nun hier niederzuschreiben.


Wir schreiben das Jahr 1999/2000. Der kleine Bamml war nicht die starke Persönlichkeit, oder sehr selbstbewusst. Er hatte auch nicht die Masse an Freunden, die er sich vielleicht gewünscht hatte, aber er hatte 2 sehr gute. Er war nicht sehr auffallend oder laut – lieber hielt er sich im Hintergrund und damit von allem was nach Gefahr, Stress, Stunk oder Problem roch fern. Das nahmen aber andere gerne zum Anlass Bamml immer wieder zu ärgern, zu boxen. Heute würde man sagen zu mobben. Kurz gesagt, er sehnte sich im Unterbewusstsein nach etwas Neuen, einen Neuanfang, oder vielleicht sogar einen kompletten neuen Weg mit stärkerer Persönlichkeit. Allerdings um 13:00 Uhr, als die erlösende Klingel der Schule läutete, blühte er gerne auf und war mit seinen beiden Besten ein ganz normaler Junge.


Mitte des Schuljahres, es war ein grauer, regnerischer Abend, verzog sich Bamml in sein Zimmer. Sein großer Bruder musste, um in sein Zimmer zu kommen, durch das von Bamml. Er hatte mal wieder seine Tür nicht geschlossen und das Licht brennen lassen. Genervt davon, wollte ich, Bamml, das Licht ausmachen und die Tür schließen. Mein Blick flog durch sein Zimmer und blieb bei seinem Tisch hängen. Da lag etwas, was ich noch nicht kannte, etwas Neues.


Was bitte stand da denn drauf?? Könn´ die nicht richtig schreiben? Böse mit H und Onkels mit Z. Allerdings „Live in Dortmund“ war richtig geschrieben. Es war also jetzt an der Zeit, diese Band, die nicht schreiben kann, anzutesten. Man muss auch dazu sagen, dass Musik zu dieser Phase einen sehr geringen Stellenwert für mich hatte und ich eigentlich, wie man es immer gerne so sagt, alles höre. Das Intro krachte und knarzte durch meinen neuen CD Player, den ich zu meinem Geburtstag bekam. Nicht gerade schöne Töne – aber was weiß man denn als 9/10 Jähriger schon.


Danach eröffnete Hier sind die Onkelz das Konzert. Endlich klang es auch nach einigermaßen Musik. Abgeschreckt durch die harte, raue Stimme des Sängers betätigte ich erst einmal den „Weiterknopf“.

Irgendwann sang der Sänger dann darüber, dass er Angst rieche, über eine kranke, müde Welt und die Gier nach Geld. Solch gehobene Worte,das Stilmittel und Thema war für einen Jungen in diesem Alter noch nichts was er verstehen konnte bzw. er versuchen könnte darüber nachzudenken.


Plötzlich aber kam der kleine Bamml zu Nichts ist für die Ewigkeit. „Ja, ganz genau“ dachte er sich. Die Zeit in der er gehänselt, geärgert wird, die wird wohl und hoffentlich auch nicht für die Ewigkeit sein. Noch ein halbes Schuljahr und er wird endlich auf eine andere Schule, in eine andere Klasse, in einem anderen Ort kommen. Die Wege werden sich trennen. Wenn nichts für die Ewigkeit ist, wie es diese Kapelle sagte, dann ist es auch nicht schlimm, wenn der Bamml sich im zweiten und letzten Halbjahr des Schuljahres anders benehmen wird. Denn, wer nichts wagt, kann auch nichts verlieren. Ebenfalls auf dieser ominösen „Live in Dortmund“ zu hören.


So sollte es also sein, dass ich mich im verbleibenden Jahr versuchte zur wehr zu setzen. Mir nicht alles gefallen zu lassen. Und ja, ich schlug auch zu und verteidigte mich. Ich habe es gewagt aufzustehen und Kontra zu geben.


Einige Wochen später lag eine weitere CD dieser Band auf dem Tisch meines Bruders. Na, wenigstens war diesmal Onkels richtig geschrieben. Das H in Böse war allerdings immer noch da. Natürlich musste dieses neue Stück sofort abgespielt werden. Unbeeindruckt und auch enttäuscht über den Sound und den Stil der Musik stolperte Bamml über „Die Stunde des Siegers“.


Ein weiteres Durchalte-Lied. Die Stunde des Siegers kommt für jeden irgendwann und man würde auf den Köpfen der Menschen die dicke Leiber haben tanzen und sein Ziel endlich erreichen. Sie besiegen. Die Mobber, die einen ärgern und schlagen.


Vielleicht übermotiviert, oder es war einfach an der Zeit, zerlegte ich während einem Wutausbruch, den Chefmobber selbst und dessen Tisch und Unterlagen und kassierte zwar zu recht, aber keineswegs akzeptierend, den ersten von 2 Verweisen meiner Schullaufbahn.


Man kann also sagen, in diese Zeit, diesen Lebensabschnitt in den die Onkelz bei mir angekommen sind, war es einfach Zufall. Zufällig lag die Scheibe auf dem Tisch, zufällig wurde ich neugierig und zufällig waren NIFDE, WNWKNV und DSDS (was für ein Zufall) die richtigen Lieder zur richtigen Zeit.


Ab dem 11/12 Lebensjahr kam es dann endlich dazu, dass wir nun auch einen neumodischen PC bekamen – sogar mit Internet. Normalerweise waren wir immer auf dem neuesten Stand der Technik, nicht arm und auch gut integriert und beschäftigt in unserer Gemeinde, aber in dieser Hinsicht hats einfach ein wenig länger gedauert – geschadet hat es nicht. Und da man in der 5/6 Klasse auch ein Fach hatte das KTB hieß (kaufmännisch technischer Bereich) durfte man manchmal sogar das Internet in der Schule nutzen. Nichts wissend, weil neu, gab ich mal Onkelz ein. Da war sie also – die große Geschichte der Onkelz.


Von nun gab es nur noch eins – diese Band, die mir geholfen hat in einer negativen Situation etwas Positives daraus zu machen, sich zu verändern und stärker zu werden, zu analysieren und alles mindestens einmal anzuhören. Dass es dann eine Verbindung fürs Leben wird konnte ich 12 Jähriger natürlich nicht wissen. Gefesselt von den Geschichten, den Hörproben, den Videos, Bildern und Berichten der damaligen Timeline, vergaß ich es aber nicht auch zu hinterfragen. Es gab ja schließlich dieses Gerücht, die Band wäre ein Wolf in Schafspelz und eigentlich plumpe und dumme Nazis.


Bamml wäre jetzt nicht der Bamml hätte es nicht diese Band gegeben. Wer weiß was aus mir geworden wäre, hätte ich damals nicht die Neugier besessen.


In der Schule stieg ich auf. Ich war nicht mehr der Kleine, der Pummelige den man rumschubsen konnte. Nein man hatte Respekt. Man respektierte mich wegen meines Auftretens, das selbstbewusster war. Wegen meines Verstandes, der mich auch immer dazu drängte, etwas zu hinterfragen, oder auch dem Lehrer und anderen Personen zu widersprechen und seinen Standpunkt der Dinge zu schildern. Ich wurde Klassensprecher auf die folgenden nächsten 3 Jahre – was eine große Ehre war.


Es war auch ein natürlicher Reifeprozess, den jeder Mensch durchmacht, allerdings versuchte ich es bzw. konnte oft keine andere Meinung mehr zulassen. Ich musste lernen auch andere haben Recht. Zwar auf ihre Weise, aber sie sind eben nicht meiner Meinung. Schwer in dieser pubertären Phase.


Durch das konsequente Durchstöbern der Geschichte der Onkelz kamen dann immer mehr Aspekte wie Verantwortung und soziales Engagement dazu. Ich wurde ein selbstbewusster, seiner Stärken, aber auch Schwächen bewusster Mann. Mit dem Herz am rechten Fleck und einer Band, die mir immer wieder als Hilfe dienen kann und soll.


Was ich heute bin, wäre ich nicht ohne diese Band. Ein guter Vater, guter Geschäftsmann und ein Freund der immer da ist. Natürlich wäre ich heute auch nicht der, der ich bin, ohne jeden einzelnen Rückschlag, ohne jedes einzelne Glückmomentchens. Daran bin ich gereift, gewachsen – wenn auch mit Hilfe einer Band.


Greets


Bamml


PS: Rechtschreibfehler dürfen behalten werden.